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Schöne Erinnerungen

Manchmal, wenn ich mir Fotos von vor zwei drei Monaten ansehe, als ich noch am Strand entlang gehen konnte, frage ich mich, ob ich mich damals schon an diesem Punkt sah, wo ich es nicht mehr schaffen würde. Weder mit noch ohne Gehhilfe. Ich weiß, ich habe jeden Tag genossen. Die Schmerzen waren andere, sie waren nicht so intensiv. Jetzt stehe ich jeden Tag am Fenster zur Küche raus und sage:
»Die Luft ist so schön«, und weiß nicht mehr, wann ich zuletzt draußen war.
Durch einen Supermarkt, oder die Straße zum Park rauf … das waren keine Strecken. Inzwischen sind es welche, die ich nicht mehr zu schaffen imstande. Manchmal schaue ich mir Fotos an und genieße wieder diese Tage, an denen Freiheit noch nicht so eingeschränkt war. 90 qm um mich rum. Ich bin dem Tod näher, schreibe nicht mehr so viel, verliere Prosa und denke an ihn.

Ein tolles Geschenk

Ein Geschenk für mich, was mir große Freude bereitet hat.
Liebe Franzi, als du bei mir warst, hast du deine Lebensfreude mitgebracht. Ich habe mich selten so gut in der Nähe eines noch so jungen Menschen gefühlt, wie in deiner. Dazu muss ich sagen: In den letzten drei Jahren. Du warst gekommen, damit ich "In meinem Fenster brennt noch Licht" für dich signiere, was ich gerne tat. Ich bedanke mich für die wunderschöne Kerze, die du mir mitgebracht hast, weil sie nicht nur aus Bienenwachs ist, sondern von dir handgefertigt, was mir viel bedeutet.

Es werden mehr Schmerzen

Mit jedem Tag kommen Schmerzen dazu. Erst die Thrombose, jetzt der Bauch. Ja, Krebskranke haben Verdauungsprobleme, wenn sie Morphium nehmen, aber wie schmerzhaft diese werden können, erfahre ich zurzeit. Letzte Nacht war ich online, weil ich nicht schlafen konnte, wegen dieser Schmerzen. Man ärgert sich mit genug Dingen herum, sodass ich das Maß, über welches ich mich noch ärgere, reduziert habe. Ich ignoriere vieles, was leichter macht, mit Dingen nicht mehr umzugehen, mit denen umzugehen sich nicht lohnt.
Ich wollte noch ein paar Leute kennenlernen. Meine Kaffeefahrt habe ich abgebrochen, ich schaffe es nicht mehr und genieße die Tage, an denen mir eine gewisse Schmerzfreiheit vergönnt ist, mit kleineren Aufgaben, die mich nicht anstrengen. Es hat Spaß gemacht, die Leute kennenzulernen, die ich getroffen habe. Die einen bei mir zu Hause, die anderen außerhalb.

Nur eine Thrombose



Der Kniebruch stellte sich als Thrombose im Knie heraus. Mein Dok erklärte mir, dass viele Krebspatienten unter Thrombosen leiden. Ich wusste gar nicht, dass die so schmerzhaft sein können, bin aber froh, dass es kein Bruch im Knie ist. Thrombosen sind gefährlich, ich habe gleich heute eine Infusion bekommen. Der Arzt legte mir, wegen meiner Spritzenphobie einen Zugang in die Bauchdecke und einen Zweiten, um den Port zu entlasten, der entzündet ist, weshalb sich die Haut rundherum erst mal wieder erholen muss. Morgen bekomme ich die Thrombosestrümpfe, dann bin ich mehr beruhigt

Meine Freundin sagte:
»Eine Thrombose kriegen wir wieder in den Griff und dann kannst du wieder gehen.«

Eine Metastase im Knie wäre wirklich schlechter gewesen. Ich bin froh, dass es ist, wie es ist. So bleibt es bei dem Rippenbruch. Momentan schreibe ich wieder an einem Roman, den würde ich gerne zu Ende bekommen und bin schon auf Seite 47. Eine interessante Geschichte zum Thema Alkoholismus, die nichts mit meinem Mann oder mir zutun hat. Ich habe viel recherchiert, um die Protagonisten lebendig wirken zu lassen. Die Arbeit macht mir Spaß, was ja auch bedeutet, dass die Muse zurück ist.

Gute Nacht.

Kniebruch

Tja, letzte Nacht hat es mein Knie erwischt. Ich wurde mit Schmerzen wach. Erstmal eine kleine Dosis Morphium, dann der Versuch zu gehen. Wenn ich Uschi nicht hätte, ich wäre keinen Schritt vorangekommen. Wahrscheinlich ist irgendwo im Knie eine Metastase, die jetzt für den Bruch verantwortlich ist. Momentan habe ich alle Schmerzmittel genommen und spüre nur eine leichte Empfindlichkeit. Ich bin nur froh, dass mir bisher Brüche in den Händen erspart blieben. Das wäre eine Katastrophe, wenn ich nicht mal mehr schreiben könnte oder alleine essen. Man merkt erst, wie wichtig einzelne Dinge in einem sind, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Gute Nachricht: Ich habe drei Stunden durchgeschlafen, nachdem ich mir selbst Medikamente verabreicht habe. Nur in dem Maß, in dem ich es darf, aber glücklich, dass ich schlafen konnte, wünsche ich allen einen schönen Tag.

Eine Migräneaura habe ich wieder mit Novalgin in die Flucht geschlagen :) Ich bin so gut. Der Spruch: "Nichts übers Knie zu brechen", bekommt eine besondere Wirkung, wenn etwas in ihm gebrochen ist.

Mein Klagebuch

Ich habe mein Tagebuch umbenannt. Es hat schon mehr was mit Klagen und Beklagen zu tun. So werde ich dem gerecht. Naja, ein kleiner morgendlicher Scherz, nach einer Nacht, die stündlich, wie fast jede, unterbrochen wird. Warum ich immer nach genau einer Stunde aufschrecke, werde ich wohl nie erfahren. Beim »Tatort« um 20.15 Uhr bekam ich eine Migräneaura, die hielt ca. 20 Minuten an. Ich sah kaum noch was. Ein unangenehmes Flackern in sämtlichen Farben vor den Augen. Vor einem Jahr bekam ich Pillen dagegen, aber noch mehr Medikamente? Die Antibiotika habe ich abgesetzt. Ich vertrug sie nicht. Mein Arzt meint, das sei schlecht, wegen der Pflasterallergie, aber da muss ich durch.

Ich habe wohl auch Eisenmangel, wenn die Blutwerte das bestätigen, bekomme ich Infusionen. Die sollen besser als Tabletten sein. Ist mir nur recht. Dass ich mich nach jeder Mahlzeit übergebe, wundert mich nicht. Bei den Bergen von Medikamenten? Klar, ich bin da weitestgehend schmerzfrei, aber die Nebenwirkungen sind auch nicht ohne. Dauermüdigkeit, obwohl ich nicht schlafen kann, Übelkeit, Migräneauren, und, und, und. Ich sagte ja, ich habe mein Tagebuch in Klagebuch umbenannt. Ich darf inzwischen die Novalmin-Tropfen auf 80 am Tag erhöhen und zwei Ibuprofen, neben den stündlichen Morphium-Dosen einnehmen. Damit sind Schmerzen wirklich fast keine mehr zu beklagen.

Natürlich muss ich Molvicol und Lefax den Medikamenten anpassen. Das Zeug schmeckt nun beides nicht gerade wie Sekt. Und der beste Rat gegen meine Schluckbeschwerden: Ich soll einen Teelöffel Cognac dagegen einnehmen. Ganz ehrlich, das hat mein Arzt mir geraten. Durch das Morphium werden ja nicht nur die Därme und Organe plattgemacht, sodass ich oft einfach nicht schlucken kann. Wer das noch nicht hatte, weiß gar nicht, wie grässlich das ist.

Genug gejammert. Ich habe alle Medikamente eingenommen, der Tag kann kommen. Hallo wach!

Zwiegespräch mit dem Tod


Manchmal habe ich Angst, dass er mich nachts holt oder in den frühen Morgenstunden, so wie heute, als ich am Fenster stand und mit ihm sprach.
»Sag«, begann ich, »haben alle Angst? Auch die, die wie ich sagen, sie hätten keine?« 
»Es gibt Ausnahmen.« 
»Verfährst du mit ihnen anders?« 
»Nein, wenn ich da bin, bin ich da.« 
»So wie jetzt?« 
»Nein, jetzt bin ich nur dein Hirngespinst, deine Panik.« 
»Aber wenn du da bist, nimmst du mich mit?« 
»Wenn ich es bin, ja.«
Ich könnte auch am Tage sterben, oder in dieser Minute, oder wenn ich gerade einen Teebeutel in den Abfall gebe. Er würde nicht fragen, wie recht er mir gerade kommt. Vielleicht aber würde er meinen Mann vorschicken, damit die Angst eine geringere wird. Was auch immer danach kommt, es ist nie mehr wie davor.

Zwischen Teetraum und Kaffeehorror

Seit Tagen konnte ich keinen Kaffee mehr trinken, ohne dass er mir wieder hochkam. Das ist schlimm, wenn der Durst auf dieses edle Gebräu so groß wird, das egal ist, ob oder ob nicht. Heute konnte ich – Salzstangen sei Dank – wieder eine Tasse genießen. Es gibt diese kleinen Dinge im Leben, die mehr erfreuen als ein Lottogewinn.

Das Unperfekthaus


14.02.2015 Unperfekthaus
Heute das Treffen im Unperfekthaus. Ein charmanter Mann, dem wir gerne zuhörten, der was zu erzählen wusste, mit dem man stundenlang zusammensitzen kann, ohne dass es langweilig wird. Brunchen. Gar nicht teuer und so viel Essen und Trinken, wie man will. Die Atmosphäre war toll, ein schöner Tag, an dem es mir nach einer stressigen Woche endlich einmal gut ging.



Hey du – du bist ein toller Kerl :)

Wuppertaler Polizisten, und die Absage, die mir leid tat

Ich durfte endlich meine Gewehre abholen, die mir letztes Jahr genommen wurden, weil mein Sohn, während meiner Abwesenheit, meinte, es seien Spielzeuge. Naja, er wollte sich damit fotografieren und ein Nachbar rief die Polizei und behauptete, mein Sohn habe damit geschossen. Ich rief die Wache an und sagte:
"Damit kann man nicht mehr schießen, da fehlen die Bolzen, die hat mein Mann ausgebaut. Das Einzige was mein Sohn geschossen hat, war ein Foto."
Das müsse erst geprüft werden, hieß es.
Wochen später erhielt ich ein Schreiben, ich könne sie nun abholen. Dann wurde der Polizist krank, der für die Ausgabe zuständig ist. Toll. Es gibt nur diesen einen, der die Schlüssel zur Waffenkammer hat. Von November an bis gestern gab es eine Terminverschiebung nach der anderen und endlich habe ich sie zurück. Ausgerechnet an dem Tag, an dem ich zu Anne wollte. Nun, sie war etwas enttäuscht, aber wir sehen uns jetzt in ca. 14 Tagen. Ich hoffe es zumindest.

Meine gesundheitliche Situation ist nicht die beste. Nach der Fahrt in meine Heimatstadt, war mir alles andere als göttlich. Außerdem bekomme ich seit drei Tagen Antibiotika mit dem schönen Namen: Roxi. So würde ich eine Dackeldame nennen, hätte ich eine. Und ich bekomme was gegen meinen Reizhusten. Nächste Woche muss ich zum Lungenröntgen. Hoffe, es geht gut aus. Bis auf Wasser in der Lunge war bisher nichts Beunruhigendes festzustellen. Nun, ich werde immer wieder überrascht, also mache ich mir keinen Kopf oder vielleicht nur einen kleinen.

Meine Gewehre kommen demnächst wieder an die Wand. Wir müssen erst anständige Dübel besorgen, weil die Wände hier aus Sandbeton bestehen, also nicht besonders gut auf Bohrmaschinen zu sprechen sind. Auf die Munition habe ich verzichtet, was soll ich damit? Ich musste unterschreiben, dass sie die vernichten dürfen. Die Bürokratie funktioniert.

Was aus dem Morgen wird, wenn der Tag beginnt

Wegfliegen. Heute mein erster Gedanke, nach dem ersten Kaffee und der ersten Dosis Morphium. Wie das klingt. Wahrscheinlich anders, als würde man es hören. Wegfliegen. Da ist es wieder, dieses Wort, dieses Feeling, die Sehnsucht nach … ich lehne mich zurück, spüre das Kopfkissen im Nacken und lass mich gehen. Wegfallen. Vielleicht in mich oder den Tag. Resümee. Ich erfinde zeitlose Sätze am Stück und lasse die letzten Tage aufleben. Wie froh bin ich, dass ich mich zur Kaffeefahrt entschieden habe, durch die ich Menschen kennenlerne: Raven, Lotta, H.G. und es werden noch ein, zwei, drei mehr werden.

Vielleicht wird es am Ende der Kaffeefahrt ein Wiedersehen mit allen geben, wie so ein kleines KV-Kaffeekränzchen irgendwo in der Pampa. Ich weiß, das ist eine kleine Spinnerei von mir, Wunschdenken. Vielleicht lernen sich durch diese Kaffeefahrt neue Freunde kennen, die sich fernab vom Internet weiterhin treffen, miteinander telefonieren … kann doch sein!
»Nichts ist unmöglich«, heißt es doch so schön.

Gestern war mein Doc wieder da, er wechselte den Verband, säuberte die Stelle mit dem Port und sagte, dass die Entzündung besser geworden sei. Sooft wie er den Verband wechselt, kann es nur besser werden. Er ist so fürsorglich. Ich weiß nicht, ob alle Palliativmediziner so sind, aber ich bin dankbar, dass er mein Arzt ist. Wir sprachen über März, ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, auf jeden Fall sagte ich:
»Wer weiß, ob ich da noch lebe.«
Meine Freundin grinste leicht empört und sagte:
»Silvi, also wirklich!«
Später, als wir alleine waren, sagte ich:
»Seine Frau hat nicht widersprochen und er auch nicht.«
»Das heißt doch nichts.«

Ob es wirklich nichts bedeutet? Ich habe ein Gespür für mich entwickelt. Die Menschen ahnen, wenn es so weit ist, heißt es. Ich will mir meinen Kopf nicht zerbrechen und warte jetzt das Ergebnis vom Röntgen ab. Meinem Arzt macht mein Husten Sorge. Vielleicht sollte ich ihm stecken, dass ich 10-15 Zigaretten am Tag rauche, immer am offenen Fenster. In letzter Zeit trage ich dazu eine Mütze, weil es reichlich kalt am Kopf wird.

Heute Morgen waren die Dächer voller Hagelkörner.

Bilder zum Text

Abreise - Die Zeit mit ihr war schön

02.02.2015

Lotta musste früh aufstehen. Sie konnte gerade noch frühstücken, einen Kaffee trinken und musste schon los. Wir haben uns gefreut, sie kennenzulernen. Eine richtige Lebensbombe ist sie, was ich positiv meine, mit sehr angenehmer Stimme, der man gerne zuhört.

Am Nachmittag bin ich mit meiner Freundin zum Einkaufen gefahren. Es tat gut, wieder rauszukommen. Die letzten Male fuhr sie allein, weil es mir nie so richtig ging. Wir waren recht schnell fertig. Meine Freunin bereitete das Essen für Morgen vor. Selbstgemachte Bolognese-Soße ohne Maggi-Fix, was ich nicht mag. Ich brauche nur noch die Nudeln kochen.

Auf dem Sofa sind wir dann beide eingeschlafen. Um kurz vor neun Uhr musste sie nach Hause. Der Tag war okay. Mein Sohn ist gut in Österreich angekommen, was mich freut. Ich bin immer froh, wenn ich beruhigt sein kann. Es ist wohl sehr kalt dort.

Der zweite Gast

Wir drei Frauen saßen in der Küche. Nachdem meine Freundin bereits am frühen Morgen aktiv geworden war und einen Apfelkuchen gebacken hatte, warteten wir angespannt bis neugierig erregt auf den zweiten Kaffeefahrt-Gast. Mittag gegessen hatten wir schon.
Für mich bitte kein Schweinefleisch«, hatte Lotta gebeten.
»Warum nicht?«
»Ich esse kein Tier, dass ein Ich-Bewusstsein hat«, klärte sie uns auf.
Respektiert. Bekam sie eben nur Kloßplätzchen mit Soße und Rotkohl.
Gegen 15 Uhr klingelte es. Lotta begrüßte ihn als erste. Stürmisch fiel sie ihm, lachend, um den Hals. Er drückte sie ebenso vor Freude, sie endlich nach fünf bis sechs Jahren live zu erleben, ihr Lachen zu hören, sie zu sehen.
»Also ehrlich«, schmunzelte ich, »da muss erst jemand an Krebs erkranken, damit ihr euch endlich mal trefft.«
Ihn begrüßend, lachten wir alle, setzten uns an den Tisch, tranken Kaffee und aßen den himmlischen Apfelkuchen dazu. Im Laufe des wundervollen Nachmittags, machten wir noch Erinnerungsfotos, philosophierten über Literatur und sprachen natürlich auch über das Leben. Die Stimmung blieb bis zum Abend hin unbeschreiblich locker und fröhlich.
»So jung kommen wir nie mehr alle zusammen«, verabschiedeten wir ihn, der langsam wieder nach Hause wollte.
»Ich danke dir für deinen Besuch«, drückte ich H.G.
»Ich war sehr gerne hier«, lächelte er.

Lebensfroher Besuch aus Potsdam

31.01.2015:
"Was für eine Fahrt", sagte sie, als sie endlich ankam.
Von Potsdam nach Grevenbroich, mit Bus und Bahn und nicht eingeplanten Verspätungen, war sicher ein winterliches Abenteuer. Gestern meinte sie noch, sie sei so gegen 16 Uhr da. Tatsächlich kam sie um 17.45 Uhr an, wirkte reichlich durchgefroren und brauchte eine Zigarette. Ich drückte sie und schenkte ihr gleich einen Kaffee ein. Fertig, aber glücklich, sah sie aus. Das lange Haar zersaust, aus dem dicken Mantel raus, präsentierte sie "Schokolade aus dem Osten", worüber ich mich freute, weil mein Mann immer erzählt hatte, wie gut die sei.

Nach kurzer Zeit rückte auch meine Freundin an. Da saßen wir, der Klub der drei Damen (vom Grill) und erzählten, lachten, schwelgten in Erinnerungen und naschten dabei die mitgebrachten Köstlichkeiten.

Gut ging es mir heute, auch wenn ich mich nach einer Stunde zurückzog. Ich bin tatsächlich tief und fest eingeschlafen. Als ich wieder wach wurde, ging ich zurück in die Küche, wo meine Freundinnen saßen und sich unterhielten.
"Habe ich was verpasst?"
"Nöööö", die Antwort.

Es war ein herrlicher Tag, mit tollen Eindrücken, die meine Vorstellungen (positiv) übertrafen. Vielleicht bekomme ich bald ein paar von ihr gestrickte Socken. Ich habe mir zwar gerade erst Neue gekauft, aber gestrickte habe ich noch keine.

Hässliche Füße

In den letzten Tagen ging es mir schlecht. Viele Schmerzen, noch mehr Morphium, halbe Nächte durchgeschwitzt, am Tag geschlafen. Heute aber ging es mir gut. Manchmal macht mir das am meisten Angst. Ich weiß nicht genau warum. Ich schaute fern, eine Reportage über Frauen und Schuhe, über Pumps in verschiedenen Variationen. Schöne Stimmen, die erzählten, und nicht wie auf anderen Sendern, nur Gekeife und brüllende Protagonisten. Ich beneide Frauen mit schönen Füßen, die ihre Nägel manchmal in zartem Rosa, manchmal kokettierend Rot lackieren. Um die Fessel ein feines Kettchen, welches den Fuß noch mehr betont. Einfach schön anzusehen.

Mein Fußpfleger hat mir meine Fersen massiert, die Ballen und Zehen. Das tat gut. Danach feilte er die Nägel. Ich beobachtete ihn und fragte:
»Hässlich, oder?«
Er zog die Brauen hoch.
»Sie können ruhig antworten, ich bin nicht beleidigt.«
»Wer hat Ihnen das angetan?«, fragte er schließlich.

Ich dachte an damals, ich war Sieben. Immer, wenn mich jemand fragt, was mich der Fußpfleger gefragt hatte, sage ich:
»Ein Unfall«, was den meisten reicht. Ich beneide Frauen mit schönen Füßen, und wenn ich einen schönen Schuh in Händen halte, der die Fußnägel nicht verbirgt, suche ich mir einen, der noch schöner ist und nichts präsentiert, was des Betrachters Augen stören könnte.

Was vom Tag ...

Gestern kam mein Bett-Tisch. Er ist aus Holz, hat sogar eine Mulde für meinen Kaffeebecher, die ich, wegen meiner Tollpatschigkeit, nicht benutzen werde. Aber ich finde gut, dass sie da ist. Zwei Ventilatoren sorgen für eine Extra-Portion Kühlung und die Höhenverstellbarkeit sorgt für eine gute Schreibatmosphäre. Das perfekte Accessoire. Ich kann auch vom Bett aus auf die Straße sehen, die Bäume betrachten und habe sogar das Parkhaus im Blick, welches die Stadt den Pendlern kostenfrei zur Verfügung stellt. Warum ich das erwähne? Weil so etwas selten geworden ist. Wo muss man nicht mehr draufzahlen?

Am Mittag, als mir klar wurde, dass ich Andrea verpasst hatte, habe ich kurz geweint, weil mich immer interessiert, wie es ihr geht, wie ihr Morgen auf der Arbeit war und ob alles gut ist. Dafür habe ich geschafft meine Telefongesellschaft zu kontaktieren, damit die endlich mein Sonderkündigungsrecht durchboxen. Das hat sie gefreut, und mich auch. Die kleinen Dinge sind so wichtig wie früher die großen Probleme.

Andrea war zum Abend da, wir aßen zusammen und redeten über den Tag. Ich möchte immer ganz genau wissen, wie der ihre war. Wie der meine ablief, kann sie sich denken: Gähn. Ich habe viel geschlafen und meine Schmerzpumpe im Halbschlaf bedient. Dazwischen telefonierte ich mit meinen Söhnen. Jetzt sitze ich hier und denke:
»Wie mag das da draußen ankommen?«
Wie die Wahrheit, die es ist.

Heute Morgen war ganz furchtbar:
Die Schmerzpumpe piepte plötzlich lautstark:
»Luft im Schlauch«, kam als Warnmeldung.
Ich bin hochgeschreckt, rief Andrea an und sagte:
»Hörst du das? Ich habe Luft im Schlauch.«
»Was? Klemm dich ab«, rief sie mir ins Ohr, »sofort.«
»Ich schaffe das nicht«, quengelte ich.
»Wenn du das nicht schaffst, bist du gleich tot«, ermahnte sie mich.
Wie schnell ich plötzlich wusste, was zu tun war! Ich habe das noch nie gemacht, aber gut, ich musste ja. Das blöde Piepen setzte sich nervend fort, bis ich den Arzt anrief, der mir erklärte, wie ich es ausschalte, nachdem er fragte, ob ich abgeklemmt bin.
»Jaja«, sagte ich, und hielt die On/Off-Taste gedrückt, bis sich die Pumpe verabschiedete.

Jetzt habe ich frisches Morphium, einen ebenso frischen Kaffee und das neue Diktiergerät. Ich kann meine Texte wieder aufnehmen, freu.

Woran ich sterben werde, nicht warum

Ich habe mich seit 2011 nicht einmal gefragt: »Warum ich?« Nicht ein einziges Mal. Dafür hörte ich diese Frage umso öfter von anderen. Ich frage mich schon, wie ich sterben werde. Ob ich vielleicht, wie meine Mutter, nur noch daliege und atme, nichts mehr sagen kann, obwohl ich vielleicht alles höre, was mir gesagt wird. Warum »Vielleicht«? Weil ich nicht weiß, ob sie mich noch gehört hat. Ich konnte es nicht sehen, weder in ihren Augen noch durch Gestiken. So möchte ich nicht sterben. Kann ich es mir aussuchen? Nein. Niemand kann es sich aussuchen.

Als ich »In meinem Fenster brennt noch Licht« vorgelesen habe, sah ich in die Augen der Zuhörer, nahm ihre Gestiken auf, ihre Stimmung und fühlte mich durch sie getragen. Es ging um Trauer, um die Zeit, in der man sich mitten in ihr fühlt und um die danach, obgleich Trauer nicht endet. Weder dadurch, dass man wieder lacht, noch dadurch, dass man sich dem Leben wieder zuwendet. Das Glück zu teilen, welches ich mit dem geliebten Menschen hatte, gehörte genauso zu meinem Anliegen dieses Buch vorzutragen, wie auch die schier endlos scheinende Traurigkeit, dass es ihn nicht mehr gibt.

Seit 2011 sterbe ich, wie viele andere Krebskranke ab dem Tag sterben, ab dem sie die Diagnose bekommen. Manchmal heilt der Krebs aus, meist kommt er wieder. Wie bei mir. Wenn mir mein Arzt sagt:
»Sie haben noch zwischen vier und sechs Monate«, denke ich, »vielleicht auch zwischen acht und zehn.« Weil ich nicht wissen will, wann. Weil ich, im Grunde meines Herzens, nicht wissen will, wie. Aber woran, das weiß ich. Nicht zu wissen wann und woran man stirbt, ist besser.  Mir wäre lieber, ich könnte mit 70 Jahren darüber anfangen zu scherzen oder mit 80 oder 50. Vielleicht würde ich ein altes griesgrämiges Weib oder eine liebenswerte Omi, die die Pakete der Nachbarn annimmt.  Vielleicht … nein … bestimmt würde mir darüber zu ulken Spaß machen, würde ich doch nur nicht wissen: Woran und bald.

Es braucht viele Menschen, die einem Kraft geben. Es braucht nur wenige, die sie einem wieder rauben.
Danke.

Hommage an den Tod

Ich wärm' mich in des Sommers Strahlen,
lass des Winters Kälte zu,
durch all die Zeiten dieses Jahres,
trägt mich einer, der bist du.

Doch, wie lang du mich`noch lässt,
bevor ich mit ihm weiterzieh',
schwor ich mir ganz leis' und still,
frage ich ganz sicher nie.

Das Leben im Rückwärtsgang

Zurückschauend auf die guten und besten Tage des Lebens, betrachte ich die Tanne, die auf dem Hinterhof vom Wind bewegt, jeden Ast schwingt. Manchmal denke ich, die Krone bricht gleich ab, aber sie hält.  Nicht gehalten hat meine Rippe, die brach. Ich bekam kaum Luft, mein Arzt kam und erhöhte die Morphium-Dosis am Gerät. Bald darauf ging es mir besser. Früher sagte ich immer leichtfertig:
»Schön ist, wenn der Schmerz nachlässt.«
Komisch, wie manche Dinge, die einem einst so beschwingt über die Lippen kamen, plötzlich einen anderen Geschmack bekommen oder einfach nur mehr Gewicht. Selbst zu sitzen fällt mir schwerer, aber ich bekomme bald einen Betttisch, dann kann ich liegend schreiben. Mein Brustkorb fühlt sich schwimmend an, als würden die Knochen sich in einer Tour bewegen, was unangenehm ist.

Trotz des Bruches wollte ich unbedingt den W-Lan-Router im Haus meiner Freundin anschließen. Nein, keine hundert Pferde hätten mich abhalten können. Zwei Etagen hoch. Ich habe sie geschafft und war stolz. Manchmal bin ich sogar stolz, wenn ich es nur schaffe, zu spülen oder Wäsche aufzuhängen. Das nennt man wohl: Kleine Brötchen backen. Zu irgendwas muss ich ja noch nützlich sein. Meine Freundin schaut mich immer empört an, wenn ich so etwas sage. Obgleich ich recht habe. Naja, jetzt grinse ich. Irgendwie befinde ich mich im Rückwärtsgang, auch wenn ich das nicht näher beschreiben kann, es gibt eben nicht für alles eine gute Erklärung oder ein tief greifendes Ende.

Ich dachte auch schon über einen weiteren Titel nach: Die Müdigkeit und der Wackelpudding. Beides könnte Symbol für mich sein, als würde ich mich bildlich darstellen wollen. Vielleicht will ich das sogar. Ich lächle in mich rein und versuche du zu sein, der oder die mich liest. Ist dir das auch schon Mal so gegangen? Hast du währenddessen geraucht oder etwas getrunken? Einen leichten Rotwein oder eher Kaffee? Ich trinke zurzeit viel Wasser, mische es mit Saft und verzichte auf Kohlensäure. Manchmal bekomme ich trotzdem Magenschmerzen. Da helfen die Pillen auch nicht.
»Die Säure«, mahne ich mich, weswegen ich auf Weintrauben und Mandarinen verzichte.

Die kleinen und großen Einschnitte im Geschmackserleben. Schmeckt alles bitter oder süß oder gar nicht, außer Grünkohl. Den hat heute meine Freundin gemacht. Sehr gut. Und sie sagte früher immer, sie könne nicht kochen.
»Ich habe nie für mich allein gekocht«, sagt sie, auch, wie immer, wenn sie mir zuhört, während ich ihr vorlese.
»Das werde ich vermissen«, flüstert sie.
»Was?«
»Dass du mir vorliest.«

Mir kreisen dann so Gedanken, wie »Noch bin ich da« durch den Kopf. Pläne habe ich, sehe mich an Orten ankommen und Abschiednehmen, während ich mich frage, wozu ich noch Fotos brauche. Gestern erst entschied ich, dass ich mir nichts mehr kaufen werde.
»Einen Pullover vielleicht oder Stiefel«, bemüht sich ein Gedanke, greifbar zu werden.

Bei meiner Gute-Nacht-Zigarette, gerade eben am Fenster, dachte ich:
»An Ecken gebrochen, aber das Zentrum ist stabil«, und keine zwei Züge weiter: »Noch«, wobei ich den Mond vergebens suchte.

Widmung (handgeschrieben in: In meinem Fenster brennt noch Licht)

An manchen Tagen zeigt die Welt sich in ihrem schönsten Gewandt. Sie braucht dazu gar nicht die Jahreszeiten. Nur einen Menschen, der es ihr umlegt. 2015 © Silvia Bredau