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Ausgeruht

Wir beginnen erschöpft, obwohl erst Morgen ist und die ersten Vögel zwitschern. Der Kopf bereits ganz vollgestopft mit Dingen, die uns um die Nächte bringen. Am Zaunpfahl ein neues Problem entdeckt, mit dem gewunken, alles deutet auf Schwere. Wir beginnen erschöpft, statt ausgeruht in jeden Tag zu springen. Das Warum bleibt außen vor.

Mit dem Denken an den Tod

Da stand ich wieder an dem Fenster, wie jede Nacht. Kein Laut, nur ein entferntes Husten von irgendjemand. Zerrissene Stille. Gedanken blockiert. Wieder da, wieder da … am Fenster, wie nur noch. Schatten legen sich auf mich, beschweren meinen Geist. Wohin soll die Reise gehen? Wohin nicht? Ich lebe dunkelgrau, hebe mich aus Farben raus. Ins Nichts vielleicht. Kennst du den Klabautermann, der dir deine Träume raubt? Ich nenne meinen Mitternacht oder Schlaflos. Mit dem Verlieren des Lebens beginnt das Denken an den Tod. Treibt mich ein verwahrloster Gedanke an den Rand von Klippen, stehe ich da und verweigere zu springen. Ganz unten aber sehe ich meine Farben, sie spiegeln sich in meinem Stehen am Fenster. Und wieder, wieder … bis zum Schluss.

Seelentreu

Immer wieder gehen wir gedanklich an Plätze zurück, die im Positiven belebte und im negativen Zahlen sind. Da nähren wir das Kind Vergangenheit und tauchen es in Spuren letzter Augenblicke. Vom Geist bemalt, der immer andere Schatten wirft. Mosaiken treu, kämpfen Farben um Spiegel, dass sie deutlicher werden. Bilder ähneln, die ich bin oder du. Hier im Nichts von Gut und Böse erinnert sich der Fährenmann, zahle einen Gulden für eine schöne Fahrt. Über den Fluss des gestrigen Heute zeigt er dir mehr als ein Land in einer Anderswelt. Da ist es schön und still und friedlich. Wie du. Da liegt mein Ich für dich verborgen und bittet um vergiss mein nicht. Adieu.

Über die Hoffnung und deren Schimmer

Du hast mich nach dem Hoffnungsschimmer gefragt. Ich sagte, er sei dem einer moosbedeckten Fläche ähnlich und vergeht wie das Grün der Blätter am Baum im Herbst. Ich sah dein Lächeln und wusste, du hattest das Grün einer Wiese im Sommer gemeint. Fahr wieder mit mir zu den Klippen, schau raus auf dein geliebtes Meer. Bestich mich mit deiner Leidenschaft, die mich bis heute fasziniert. Lege ich dazu meinen Mantel in deinen Schatten, bin ich reicher als jeder Millionär.
»Du schwelgst in deinen Träumen«, sagst du.
»Ich bette mich in ihnen, sieh nur, das geht.«

Manchmal wünsche ich mir

An manchen Tagen wünsche ich mir, du könntest noch einmal über die vielen Theater dieser Welt resümieren oder mit mir über den Paradeberg spazieren, dabei »Du fehlst mir« von Cappuccino singen, um mir so deine Liebe zu gestehen. Manchmal wünsche ich mir, du könntest noch einmal deine Gitarre aus der Ecke holen, um einen Song für mich zu spielen, dabei mit Blicken auf die Vögel am Himmel zielen, als würde Regen aufkommen, in jenem Moment. Manchmal aber wünsche ich mir nur, du könntest noch einmal neben mir liegen, mir mit deinen Händen durch die Haare fahren und auf Russisch »ich liebe dich« sagen. Meist schließe ich danach das Fenster zur Nacht, lass die Zigarette verglimmen und weine mich in den Schlaf.
Meinem Mann gewidmet, der am 15.02.2014 verstarb

Schwebend

Der Geruch des Winters trägt sich durch die Nacht. Niemand wacht. Leise und verwegen, eine Feldmaus im Untergeholz. Raschelnd das Parkett der Tänzer. An der Mauer ein riesiges Graffiti. Sternenhimmel auf Erde Zwei. Alles stirbt. Irgendwann. Im Kleid Erotik, die schöne Marilyn. Schwebende und ewiges Portrait. Stetig sinnlich, unverdorben. Ewig lebt. Sie.

Du


Du schreibst über Blumenwiesen in der Nähe des Hafens, über Schiffe, die an- und ablegen, du sprichst über Rosen, die du verschenkt hast und Vergangenheit. Du sagst Adler seien königlich und Geier Ratten der Lüfte, doch verschweigst immerzu, ob und wie sehr du mich liebst.

Des Pornoschreibers Fantasie und das reale Artefakt

Der Hans kannte sich aus, was die Frauen betraf. Er war mehr als nur ein Versteher, er war DER Versteher schlechthin und so war er in seiner Stammkneipe auch kein unbeschriebenes Blatt.
»Wen du schon alles flachgelegt hast«, wurde er oft begrüßt.
Mit vor Stolz geschwollener Brust erkannte er den Spott nicht, schließlich verspottete man einen Hans nicht, der über 100 Frauen im Bett hatte.
»Während er davor stand«, grölten die Stammtischbrüder hinter seinem Rücken, derweil er zu Hause an seinem neuesten Text schrieb, der da »Die hohe Kunst des Bananenschälens« hieß. Das Pornomagazin aufgeblättert, lächelte die Schäfer ihn lasziv an und zeigte, was sie zu bieten hat.
»Nimm mich«, hörte er sie flüstern und er nahm sie. Vögelte sie richtig durch, wusste genau wo, und wie er sie anfassen, reiben, küssen, lecken musste, dass sie auch ja laut kreischend schrie:
»Du Hengst, ich komme, ich komme.«
Puh! Hans war fertig. Seine Hand schmerzte nicht nur vom Schreiben. Schnell noch das Taschentuch über den Dödel gewischt und ab dafür.

»Hahans«, hörte er seine Mutter aus der Küche.
»Ja Mutti? Warte, ich komme – äh - ...«
»Was hast du denn wieder gemacht?«
»Och, nichts«, erwiderte er, als er ebenfalls in der Küche erschien.
»Ich frage mich manchmal, wann du endlich aussem Pott kommst.«

Gegen Abend nahm er seine Jacke, legte sie über die Schulter und verabschiedete sich von seiner Mutti.
»Wann bist du denn wieder daheim?«
»Weiß nicht.«

›Rüdiger wird vor Neid erblassen, wenn ich dem gleich ...‹, rieb er sich in die Hände und betrat sein Stammlokal, wo sie alle nur auf ihn warteten.
»Hans«, wurde er lauthals empfangen.
»Leute, ich muss euch was erzählen, also die Alte, die ich letzte Nacht hatte, die ist erst heute Mittag aus dem Bett gekommen.«
»Wat? Schon wieder eine?«, grinste Rüdiger.
»Oh, die war lecker«, leckte sich Hans über die Lippen.
»Haste dat Magazin denn auch wieder fein unter die Matratze versteckt?«, lachten die Thekenbrüder gemeinschaftlich.
»Ihr Arschlöcher habt doch keine Ahnung.«
»Dein Trauma-Egon ist doch nicht mehr als ein Artefakt, das erst noch entdeckt werden muss.«
Wieder Gegröle.
»Tja«, hörte Hans eine Frau hinter sich, »ich habe da mal ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert, wie du.«

Hans wurd' nie mehr in dem Dorf gesehen.

Winterlicht

Die Tage fahren ihre Krallen ein, winterlich legt sich Raureif auf die Dächer. Vögel schwirren durch die Luft, als hätten sie keine Ziele mehr, außer, zu bleiben: wie ich.

Für immer

Dein 'Für immer' hat mein Herz geschwächt, während mein Puls raste. Des Menschen Wille fiel mir ein und irgendwas mit Himmelreich. Gesagtes stellte sich wie eine Hürde nach der anderen in den Weg. Du hast gemeint, es sei normal. Am Ende bleibe ich mit meiner Arroganz hinter dir zurück, wobei nicht interessiert, dass es dich gar nicht mehr gibt. Das Herz schlägt mit einer Fehlermeldung und verliert sein Taktgefühl. Wie es so ist, wenn Mensch am Boden liegt und vom Aufstehen träumt. Wären die Massen nicht drumherum. Besohlte Füße. Dein 'Für immer' regelt das schon.

Der Club der verdummbeutelten Dichter

Neulich besuchte mich eine Bekannte, sie brachte ein Buch mit. Ca. 995 Seiten Gedichte.
»Schlag mal Seite 503 auf«, sagte sie hocherfeut.
»Oh, ein Gedicht von dir«, tat ich beeindruckt.
»Ja, zwischen Goethe und Schiller.«
»Na und?«
»Wie na und? Weißt du nicht, wer die sind?«
»Für wen ist das jetzt die größere Ehre?«
»Bist du neidisch?«

Ich drehte das Buch um. 99.95 Euro. Ein stolzer Preis. Sie hatte sich gleich drei bestellt, schließlich war sie mit einem Gedicht vertreten, wie ungefähr 999 andere, darunter auch Goethe und Schiller, aber auch Lieschen Müller und Monika Schmidt, mit dt. Die haben sicher auch jeweils 1 bis 3 Bücher bestellt, was für den Verlag hieß, dass es bereits Gewinn abwarf. Das erklärte ich ihr auch.

»Das ist eine Anthologie, da kommt nicht jeder rein.«
»Wenn die jedes mal 1000 Gedichte brauchen, um eine weitere zu verlegen?«
»Du bist doch neidisch.«
»Vielleicht schicke ich denen auch ein Gedicht!«
»Und meinst, es wird gedruckt?«
»Da wette ich drauf. Wie die darauf, dass die Dichter und Dichterinnen, deren Werke gedruckt wurden, eins dieser Bücher kaufen. Was ein ziemlicher Gewinn ist, selbst da Goethe und Schiller nicht mehr zu den Käufern gehören werden.«
»Ich bin trotzdem stolz.«
»Ja, das sollst du auch. Entweder darauf, zwischen berühmten Dichtern aufzutauchen, oder darauf, die Blindheit zu besitzen, dass du verarscht wurdest. Aber trotzdem: Herzlichen Glückwunsch.«

»Und dir hätte ich fast ein Buch geschenkt.«
Vergleich: Das ist ungefähr so als würde man eine CD rausbringen mit Elvis Presley und den »Stars« aus DSDS. Wer ist da begeisterter?

Alles umsonst

Jahrelang haben Larissa G. und ihr Mann Paul gegen den Missbrauch Schutzbefohlener gekämpft. Sie wurden bedroht, erpresst, terrorisiert. Einige Anschläge wurden auf sie ausgeübt. Mit viel Glück kamen sie und ihre Helfer immer mit dem Leben davon. Die Wunden wurden Narben. Jahrelang haben sie Müttern geholfen sich aus dem Kreislauf von Missbrauch und Gewalt in der Ehe zu befreien, sorgten für sichere Unterkünfte, halfen Prozesse gegen die Täter vorzubereiten und ein neues Leben zu beginnen. Beide legten sich mit Organisationen an, die Kinder entführen, um sie zu verkaufen. Mit einem Schlag holte Larissa das Schicksal ein. Sie fand ihren Mann tot in der eigenen Wohnung.

»Die haben ihn eiskalt umgebracht«, sagte sie später zu ihrer Freundin.
»Pass auf, dass du nicht wahnsinnig wirst.«
»Nicht mal eine Autopsie wollten sie machen. Verstehst du nicht?«
»Doch, aber was hätte dir das gebracht? Dass sie dich auch noch töten.«
»Sollen sie doch, ich habe alles verloren. Wofür lebe ich jetzt noch? Mein Mann ist tot. Die Konten haben sie letztes Jahr schon eingefroren, damit wir nicht mehr agieren können.«
»Brauchst du Geld?«
»Ich brauche kein Geld, ich brauche meinen Mann.«

Nach einem Jahr hing Larissa immer noch den Gedanken nach, sah das Bild ihres Mannes, wie sie ihn aufgefunden hatte. In mancher Nacht spürte sie, wie ihr die toten Augen ihres Geliebten folgten, dann erschrak sie, zog sich die Decke über den Kopf und weinte ins Kissen.
»Alles umsonst«, schrieb sie auf einen Zettel, »all die Jahre, die wir geholfen haben, haben uns unsere Zweisamkeit gekostet. Aber unter dem Deckmantel von Politik und Kirche bleiben Einzelne nicht als Märtyrer, sondern als Verräter zurück.«

Ihre Freundin faltete die Zeilen zusammen und legte sie zu ihr ins Grab.

Mutters Schweigen



Nadja (32) hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Sie sagte nie, warum. Eines Tages beobachtete sie ihren Mann, wie der seine Koffer packte. Wie sorgsam er seine Hemden hineinfaltete, seine Socken zusammen- und seine Krawatten zuoberst legte, bewunderte sie. Immer half er im Haushalt, kümmerte sich liebevoll um seine Tochter, ging mit dem Sohn zum Fußballtraining, immer, bis zu diesem Tag.
»Du willst wirklich, dass ich gehe?«, fragte er, derweil er sein Gepäck zur Tür trug.
Sie nickte nur.
Einen leisen Abschied hatte sie gewollt, einen, der ihrem Schweigen in nichts nachstand. Als er weg war, griff sie zum Hörer, wählte die Nummer ihrer Eltern und verlangte nach der Mutter.
»Ich habe nie verstanden, warum du geschwiegen hast. Noch weniger, warum du mich nie beschützen konntest, aber ich, ich gehe jetzt zur Polizei und zeige ihn an.
»Kind!«, hörte sie nur und legte auf.
»Melanie«, rief sie ihre Tochter, die sogleich die Treppe runterkam, ihren Ranzen auf dem Rücken.
»Schatz, den brauchst du heute nicht«, nahm sie ihr die Schultasche ab.
»Warum nicht?«, flüsterte die Kleine.
»Wir gehen jetzt zur Polizei.«
»Aber Mama, ich ...«
»Keine Sorge, ich bin bei dir und er wird dir nichts mehr tun.«
 
Ein Kreislauf bleibt nur einer, wenn ihn keiner beendet.

Angst



Es regnet gerade. In der Luft macht sich der Geruch frischer Gräser breit. Ich habe das Fenster weit geöffnet und atme ihn ein. Stehst du auch am Fenster? Riechst du die Abgase, die sich verbreiten? Siehst du den aufsteigenden Qualm, die Straßenleuchten, die den Autofahrern und Fußgängern den Weg weisen? Hinter dem Kirchdach lugen Baumkronen hervor und wiegen sich mit dem Wind. Damals hast du dich an mich geschmiegt, deine Hände umfassten mich, krallten sich in meinen Rücken.
»Ich habe Angst«, hast du gesagt, »und Durst.«
Es blitzte, danach zerbarsten Donner die Stille.
»Gleich fällt der Himmel auf uns«, sagtest du.
»Der Himmel«, erwiderte ich leise, »bleibt immer, wo er ist.«

Die unbekannte Schreiberin

›Es sind nicht meine Himmel«, begann sie, »die es zu beschreiben gibt, es sind fremde, mit den Federn eines Vogels, der diese nicht die seinen nennt.‹

So begann ihre Geschichte. Im Innern der Schreiberin tat sich eine Leere auf, die ihr Mann, ihre Blockade nannte.
»Das ist ein guter Anfang«, sagte er.
»Das sagst du nur, weil du mich liebst.«
»Ich zeigte es dem Nachbarn, er fand es auch gut.«
»Ja, weil er unser Nachbar ist.«
»Und Karin, deine Freundin? Sie sagt doch stets, dass du dran bleiben sollst.«
»Ach, weil sie meine Freundin ist.«

Fast jede Unterhaltung endete so. Ihr Mann wusste, sie würde das Blatt gleich zerreißen, in den Papierkorb werfen, um dann den Müll zu entsorgen.

»Tu das nicht«, sagte er.
»Ich kann nicht anders.«
»Lege es auf Seite, arbeite morgen weiter daran.«
»Als würde ein neuer Tag etwas an meiner Talentlosigkeit ändern.«
»Warum schreibst du?«
»Weil ich es können will.«
»Das kannst du, würdest du nur einmal etwas mehr als nur einen Satz ...«
»Siehst du«, unterbrach sie ihn, »mehr kann ich nicht, also bin ich keine Schreiberin.«

Er erinnerte sich an ›Was Männer wollen‹, der erste Roman, den sie geschrieben hatte, um ihn auch im Container zu entsorgen. Damals rettete er das Manuskript, legte es in seinen Schreibtisch, wo es noch immer lag. Es schien ihm an der Zeit, ihr dieses Werk erneut zu reichen.

»Das hatte ich doch weggeschmissen«, runzelte sie die Stirn.
»Und ich habe es aus dem Müll wieder mit nach oben gebracht.«
»Warum?«
»Nimm sie.«
150 Din A4 Seiten, einseitig bedruckt, gut erhalten. Nur manche Ecken waren geknickt. Mit gesenktem Kopf nahm sie das Werk an sich, überflog das Vorwort und sagte:
»Das ist gut.«
»Ja«, nickte er, »das ist es.«
»Aber«, legte sie ihre Stirn erneut in Falten, »nein ...«, schüttelte sie den Kopf.
»Was denn?«
»Nimm du es wieder, lege es dahin, wo du es aufbewahrt hast.«
»Ich habe die Frau, die in dem weißen Mantel und den Winterstiefeln, die den Hundefreund um Feuer bat, nie vergessen«, erinnerte er sich, während er das Werk in seinen Händen hielt.
»Sie begegneten sich zufällig im Wald, es war Winter«, lächelte sie.
»Ja«, nickte er.
»Gib es mir wieder«, streckte sie ihre Hände nach dem Manuskript aus.«
»Meine Zweiflerin«, grinste er.

Atmosphärisch

In manchen Worten liegt schon die Magie begraben. Ich trug meinen Jute-Beutel, in den ich eine uralte Bibel gepackt hatte, mit mir rum. Ich wollte irgendwo, wo es einsam und grün ist, lesen. Manchmal trügt der Schein. Ich sah zwar ein Plätzchen und dachte, es könnte das richtige sein, aber plötzlich wurde ich von Menschen gedrückt, die mir fremd waren. Facebook live. 15 Freunde, die mich geliked hatten. Einfach so. Ich erinnerte mich justament an diese Edekawerbung, in der es heißt: "Wir lieben Lebensmittel". Ein Sommerfest war in vollem Gange und ich hatte es dabei erwischt. Ganz toll. Das Karussell drehte seine Runden, glucksende Kinder bespaßten ihre Eltern - allein dadurch, dass sie glucksten - und gegenüber, am Bierzelt, wurde mit den Gläsern geflirtet als sei schon wieder Karneval. Aus heiterem Himmel interessierte sich einer für den Inhalt meiner Tasche.
»Da ist eine Bibel drin«, sagte ich.
»Oh Gott, du bist doch nicht etwa so eine ...«
»Eine WAS?«, riss ich meine Augen auf.
»Hast du Probleme mit der Schilddrüse?«
»BITTE??«, entrüstete ich mich.
»Du solltest die mal dringend untersuchen lassen.«
Das reichte! Ich wollte nur noch weg. Irgendwohin, wo es einsam ist. Nach einem Fußweg von ungefähr 20 Minuten kam ich in einem Dorf an. Es schien wie leer gefegt, was ich daran festmachte, dass nicht mal ein Affe auf irgendeinem Baum saß. Stille. Ein paar Schritte weiter entdeckte ich einen Brunnen, dessen Umrandung breit genug für meinen Hintern war. Ich setzte mich hin, blickte kurz nach rechts und links, nahm die Bibel aus dem Beutel und stöberte in ihr.
»Gott«, heißt es, »schuf die Welt«, ich aber frage mich: »Warum schuf er sich nicht erstmal selbst.«

Asoziale Generation

Sie retten Menschen aus Krisengebieten, nur um sie politisch korrekter zu quälen.
»Das nennt sich Menschenwürde«, schimpfen sie.
Sie kaufen ihre Kleindung beim Billig-Discounter.
»Was hätte die kleine Alina von ihrer Nähmaschine, würde keiner ihre Kleidchen kaufen«, argumentieren sie.
Sie stecken Menschen in Wohncontainer.
»Besser als gar kein Clo«, schreiben sie auf Plakate.
Sie sind gegen alles und begreifen sich als Gutmenschen.
»Das nennt sich moderne Toleranz«, kreischen sie.
Sie stecken ihr Leben in Smartphones.
"Gibt es dafür eine neue App?", fragen sie.

Herzlich willkommen in der AZ.

Hochzeitstag

Manchmal schimmert der Alltag durch das Grau der Wolken. Ein buntes Meer aus farbigem Allerlei entworfen, steht dunklen Gedanken in Nichts nach. Nichts liegt fern von Grau, zwischen Asphalt und spiegelglatten Straßen. Es ist weniger als ein schwarzes Loch und entsteht im farblosen Erleben kreativloser Tage. Da sitzt ein Narr auf linker Schulter und duldet keinen Widerspruch. Wortfetzen am Boden. Daneben ich und mein Grau, welches, Wolken fern, meinen Himmel ziert.

»Und was wurde aus dem Pferdegespann und der weißen Kutsche?«
»Ach«, winke ich ab, »frage die Braut.«

Das war, was er sagte

"Was habt ihr denn für Sorgen?"
Ich habe Angst, dass ich keine neuen Aufträge mehr bekomme. Das Rheuma in meinen Händen schmerzt oft derart, dass mir kleinste Arbeiten schwerfallen. Wie soll ich meine Familie ernähren, wenn ich kein Einkommen mehr habe?", antwortete ein Schmied.
"Ich sorge mich um die Ernte, es hat viel geregnet, oft stand mein Feld unter Wasser. An manchen Tagen kann ich mein Vieh nicht so versorgen, wie es richtig wäre. Mich sorgt, es könne krank werden", antwortete ein Bauer.
Das Lagerfeuer, an dem sie saßen, loderte. Die Augen des Jungen leuchteten, er nickte nachdenklich, hielt einen Stock in die Flammen und flüsterte:
"Ich frage die Menschen immerzu nach ihren Sorgen", pausierte er kurz, "und sie antworten ... immer."